Holocaust-Gedenktag 2009 an den Luzerner Schulen / 27. Januar 2009
Hinschauen – nicht wegsehen!
Institutioneller Rahmen
Der Vorschlag, einen Holocaust-Gedenktag einzuführen, ist Teil der Bemühungen des Europarates um den Geschichtsunterricht des 20. Jahrhunderts und um die Förderung der Menschenrechte. Die kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren der Schweiz haben sich in der Folge dafür ausgesprochen, dass auch an den Schweizer Schulen ein „Tag des Gedenkens an den Holocaust und der Verhütung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ stattfinden soll. Erstmals wurde der Tag in einzelnen Schulen der Schweiz am 27. Januar 2004 begangen. Das gewählte Datum erinnert an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945. Am 60. Jahrestag dieses Ereignisses, am 27. Januar 2005, fand im Kanton Luzern auf Anregung und mit Unterstützung des Bildungs- und Kulturdepartements (BKD) erstmals ein Holocaust-Gedenktag an Schulen aller Stufen statt. Er stiess in der Öffentlichkeit auf lebhaftes Interesse, die Rückmeldungen der beteiligten Schulen fielen insgesamt positiv aus. Die Vorbereitung, Begleitung und Durchführung des ersten Holocaust-Gedenktages an den Luzerner Schulen fanden auch auf schweizerischer Ebene einige Beachtung. Das BKD entschied in der Folge, der Gedenktag sei in einem Abstand von drei bis vier Jahren regelmässig durchzuführen. Für die zweite Durchführung wurde das Jahr 2009 gewählt.
Geschichtlicher Kontext
Der britische Nobelpreisträger William Golding hat das 20. Jahrhundert einmal als das gewalttätigste Säkulum der bisherigen Menschheitsgeschichte charakterisiert. Tatsächlich sind zwischen der blutigen Niederschlagung des Herero-Nama-Aufstandes durch deutsche Kolonialtruppen (1904) und dem Massaker in Srebrenica (1995) mehr Menschen auf staatliches Geheiss hin ermordet worden als je zuvor in der Geschichte. Die Schätzungen belaufen sich auf gegen 190 Millionen Opfer. In der Geschichtswissenschaft setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass das 20. Jahrhundert "totalitäre Megatötungsregime" (Gunnar Heinsohn) hervorbrachte und durch die historisch grössten Völkermorde geprägt war. Vor dem Hintergrund der deutschen Grossverbrechen im Zweiten Weltkrieg und den Massentötungen in der stalinistischen Sowjetunion hat der polnische Jurist Raphael Lemkin 1944 den Begriff "Genozid" geprägt. Genozid ist seit der am 9. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen verabschiedeten "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes" ein klar umrissener Tatbestand des Völkerrechtes. Allerdings hat die Völkermordkonvention staatliche Massengewalt nicht verhindern können, wie die Genozide in Kambodscha (1975-1979) und Ruanda (1994) schmerzlich belegen.
Ziel und Leitmotiv
Die Begehung des Holocaust-Gedenktages soll mithelfen, durch Information und Aktion bei den Lernenden und Lehrenden die Abgründe der Genozide des 20. Jahrhunderts ins Bewusstsein zu rufen, den Respekt gegenüber Minderheiten und Andersdenkenden zu fördern und die Bedeutung der Menschenrechte darzustellen. Dabei ist die Perspektive über den Holocaust und die Verbrechen des Nationalsozialismus hinaus zu öffnen und eine Gesamtschau anstreben.
Das vom BKD gewählte Leitmotiv Hinschauen – nicht wegsehen! bezieht sich zunächst auf die Bilder aus dem südfranzösischen Lager Gurs, die aus Anlass des Holocaust-Gedenktages 2009 für die Schulen und eine breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das Leitmotiv stellt aber auch eine Verbindung zur heutigen Lebenswelt her und fordert dazu auf, die Augen vor aktuellen Menschenrechtsverletzungen nicht zu verschliessen. Die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema soll Folgen im Alltag haben. Mit der Beteiligung an einer gesamteuropäischen Initiative kommt zudem der Solidaritätsgedanke zum Ausdruck.
Einen besondern Akzent erhält der Holocaust-Gedenktag 2009 an den Luzerner Schulen durch die erwähnte Ausstellung der Sammlung Elsbeth Kasser. Diese umfasst rund 140 Exponate – Zeichnungen, Aquarelle und Objekte –, die in den Jahren des Zweiten Weltkriegs von Künstlern geschaffen wurden, welche im Internierungslager Gurs in den französischen Pyrenäen inhaftiert waren. Die Bilder zeigen eindrücklich den Lageralltag mit all seinen Qualen und Ängsten. Die Hochschule Luzern – Fachbereich Soziale Arbeit hat es übernommen, in Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern diese Sammlung neu aufzubereiten, damit sie künftig als starkes Instrument der Erinnerungsarbeit eingesetzt werden kann. Anlässlich des Holocaust-Gedenktags 2009 soll die neu konzipierte Schau im Rahmen einer Sonderausstellung des Historischen Museums erstmals in Luzern und später auch anderswo gezeigt werden.
Im Kontext mit dieser Ausstellung stehen bei der Vorbereitung und Durchführung des Holocaust-Gedenktags 2009 an den Luzerner Schulen zwei thematisch-didaktische Elemente im Vordergrund: das Thema Lager und die Arbeit mit Bildern.
Die geplante Erneuerung der Sammlung Elsbeth Kasser ist ganz ausgeprägt ein Projekt der Zusammenarbeit: Die Stiftung Sammlung Elsbeth Kasser, die Hochschule Luzern mit ihren Teilschulen Soziale Arbeit und Design & Kunst, die Pädagogische Hochschule Zentralschweiz, Luzern, das BKD und das Historische Museum Luzern sind die Partner, die das Projekt gemeinsam erarbeiten und mit dem Holocaust-Gedenktag 2009 verbinden. Darüber hinaus bietet der Holocaust-Gedenktag noch viele andere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit zwischen Schulen aller Stufen sowie weiteren Institutionen.
Durchführung
- Der Holocaust-Gedenktag 2009 soll, in Übereinstimmung mit andern Kantonen und europäischen Ländern, am Donnerstag, 27. Januar 2009, an allen öffentlichen Schulen ab Sekundarstufe I durchgeführt werden. Die Teilnahme von Primarschulen ist möglich und sinnvoll, sofern das Thema entsprechend aufgearbeitet wird.
- Private Schulen werden über das Vorhaben informiert und zur Beteiligung eingeladen.
- Die Durchführung wird vom BKD den Schulen nicht verordnet, sondern empfohlen und durch Dienstleistungen unterstützt.
- In drei Schritten soll das Ziel erreicht werden: Informationen vermitteln – Emotionen ansprechen – zum Handeln anregen.
- Ein breites Spektrum von Arten der Vermittlung und Durchführung ist möglich, eine Zusammenarbeit zwischen einzelnen Schulen erwünscht. Das BKD plant in Zusammenarbeit mit Bildungsinstitutionen die Herausgabe einer Begleitpublikation. Es unterstützt die Schulen mit Informationen und Öffentlichkeitsarbeit.
- Die Ausstellung der Sammlung Elsbeth Kasser vom 27. Januar bis 15. März 2009 im Historischen Museum Luzern dient als besonders authentisches und aussagekräftiges Mahnmal. Der Zutritt ist für Schulen kostenlos. Geeignete Rahmenveranstaltungen sollen für die Schulen und ein weiteres Publikum die Thematik der Ausstellung zusätzlich beleuchten und ins Bewusstsein bringen.
- Entscheidend für den Erfolg aller Bemühungen ist eine stufengerechte Vorbereitung und Durchführung in den Schulen selbst.
Zeitplan
| Vor Ende Juni 2008 |
Aufruf des Bildungsdirektors an alle Schulen |
| September / Oktober 2008 |
Schwerpunkt-Thema im Mitteilungsblatt BKD, Unterlagen im Internet abrufbar |
| Oktober 2008 – Januar 2008 |
Vorbereitung auf Schulebene |
| ab November 2008 |
Begleitpublikation BKD steht zur Verfügung |
| Woche vom 27. Januar 2009 |
Durchführung an den Schulen |
| 27. Januar – 15. März 2009 |
Ausstellung Sammlung Kasser im Historischen Museum |
| Februar / März 2009 |
Freiwillige Rückmeldungen; Auswertung |
Zuständigkeiten
Für die Durchführung sind die Schulleitungen verantwortlich. Die Vorbereitungsarbeiten und Veranstaltungen der Schulen zum Gedenktag sollen nach Möglichkeit ins ordentliche Schul- und Unterrichtsprogramm integriert werden. Der Kontakt zu den lokalen und regionalen Medien ist ebenfalls primär Sache der einzelnen Schulen, eine Koordination auf BKD-Ebene wird angestrebt.
Finanzierung
Die finanziellen Mittel, die für die Vorbereitung und Durchführung zusätzlich zum ordentlichen Schulaufwand benötigt werden, sind grundsätzlich durch die Schulen selber aufzubringen (z.B. Budgets für besondere Anlässe). Es ist den Schulen überlassen, wie weit sie externe Quellen einzubeziehen suchen.
Dienstleistungen BKD
Das Bildungs- und Kulturdepartement hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die für die Koordination, Vorschläge für die Durchführung, stufengerechte Beratung, eine Begleitdokumentation und, in Zusammenarbeit mit den Pädagogischen Medienzentren, für Unterlagen wie Referenten-, Literatur- und Medienlisten besorgt ist. Als Kommunikationsmittel dienen das Mitteilungsblatt BKD und das Internet (www.holocaust.edulu.ch).
onzeptpapier Arbeitsgruppe Holocaust-Gedenktag 09, von der Geschäftsleitung BKD am 12. März 2008 genehmigt.
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